– Nach. Katalog „Between the Skin Younghun Lee“,Dr. Isabelle von Marschall                                                                                                                                        ISBN 978-3-942953-38-2

Young Hun Lee lotet in ihren Skulpturen das Verhältnis zwischen Körper, Seele und Haut aus. Das Wesen des Menschseins bildnerisch zu fassen und doch in seiner Unfassbarkeit zu erhalten, ist die ständige Wechselbeziehung in ihrer Kunst. Die Künstlerin beantwortet dieses Dilemma, indem sie sich konsequent von einer figürlichen Darstellung im Sinne einer Wiedererkennbarkeit abwendet. Sie entwickelt vielmehr eine abstraktere Vorstellung vom Wesen jedes Einzelnen und damit auch der Menschheit als solcher, die die Figur jenseits von jeglichem Porträthaftem neu definiert.

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Sie selbst bezeichnet die formgebenden Elemente ihrer Plastiken als „Haut“, die Plastik als solche als „Wesen“. In Analogie zum menschlichen Körper sind Haut und Gestalt eine Einheit. Sie können nicht voneinander getrennt werden, sondern bedingen sich gegenseitig und bestimmen in ihrer Ganzheit das „Wesen“. Young Hun Lee fasst das „Wesen“ über das Verhältnis zwischen Außen und Innen, der Haut und dem Körper, ein.

Die Auseinandersetzung mit der Haut für die Definition des menschlichen Körpers zeichnet nicht nur die Arbeiten der letzten Jahre aus, sondern findet sich von Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit an. Aus der persönlichen Erfahrung einer Bauchoperation heraus thematisiert sie ab 2008 die Dehnung der Haut unter der Einwirkung Dritter. In den Atemobjekten werden statische Körperteile aus PU-Schaum mit Latexelementen verbunden. Ein Bewegungsmelder, der durch die Ausstellungsbesucher ausgelöst wird, aktiviert eine Pumpe, welche die Latexhüllen mit Luft füllt. Der Körper wird gedehnt und erschlafft erst dann wieder, wenn die Besucher sich zurück ziehen.

In den Jahren 2011 bis 2013 entwickelt Young Hun Lee eine völlig neue Technik, indem sie getragene Textilien in die Gestaltung ihrer Plastiken einführt. Dieser sehr spezifische Ansatz im Verständnis der Haut im Werk der Künstlerin, prägt seitdem ihre Arbeiten. Nach dem Gebrauch zerlegt sie Kleidungsstücke und Decken, fügt sie zu neuen abstrakten Formen zusammen und füllt sie in einem weiteren Schritt mit Schaum. Das formgebende Material wird anschließend wieder entfernt und bleibt als Spur auf dem neu entstandenen Körper erhalten oder vereint sich mit diesem, sobald der neu entstandene Körper mit Harz überzogen wird. Der Körper entsteht aus der Haut heraus, wird durch sie zusammengehalten und bedingt. Zugleich verliert er in dem Moment der Vereinigung seine Flexibilität und wird fest, behält aber mit seinen Ausbuchtungen und Knicken, die an geknautschte Kissen erinnern, eine weich anmutende Form. Was auf den ersten Blick wie eine weiche Struktur erscheint, die man am liebsten in die Arme nehmen möchte, erweist sich sehr schnell als hart und fest.

Aus der Beschaffenheit des formgebenden Materials heraus entstehen unterschiedlichste Oberflächenstrukturen. Frus G entstand aus verschiedenen Schichten, darunter einem Pullover, dessen grüner Strick einen Großteil des Körpers überzieht. An den wurmartigen Fortsätzen, die sich zwischen seine Arme schmiegen, wurde diese Schicht wieder entfernt, so dass die verbliebenen Fasern einen grünen Schimmer hinterlassen. 07:01:35 wurde in Farbe getränkt, die das ganze Objekt überzieht und weiterhin nass zu glänzen scheint. Bei an APS-2 schließlich treffen unterschiedlichste Textilien aufeinander und bilden ein buntes Zusammenspiel. Flauschige Faserpelze finden sich neben glatten Geweben, sind jedoch beide wie bei einer Eisschicht mit Harz versiegelt.

Diese vielfältigen Oberflächen ermöglichen nicht nur Assoziationen unterschiedlichster Art, die es ermöglichen jede dieser Figuren mit einer eignen Geschichte zu versehen – wenn man denn möchte. Vielmehr sind sie in erster Linie sinnliche Strukturen. Der Betrachter kann der Versuchung kaum wiederstehen, die Körper zu berühren, ihre Oberfläche zu ertasten, weil er vermuten muss – und das zu Recht – dass seine Augen einem Verwirrspiel unterliegen.

Dieses Wechselspiel aus suggerierter Nähe und Verweigerung zeichnet die Arbeiten Young Hun Lees aus. Ihr gelingt es unterschiedlichste Sinneseindrücke gleichzeitig auszulösen, die zueinander im Wiederspruch stehen und die den Betrachter dazu zwingen mit der Arbeit in Kontakt zu treten und sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Die Plastiken Young Hun Lees vereinen in sich die Spuren der Menschen, die mit den formgebenden Textilien in Verbindung kamen, porträtieren diese jedoch nicht. Sie sind für den Betrachter nicht zu erkennen. Vielmehr sind sie Paten für neu entstehende Wesen, die Eigenschaften des Menschseins – etwa seine schillernde Vielschichtigkeit in der Suche nach Nähe, die oft mit Zurückweisung gepaart ist oder seine Unfähigkeit sich verständlich zu machen – verbildlichen. Das „Wesen“ wird nicht über die äußere Erscheinung sondern durch das Sein in seiner Unfassbarkeit erfahrbar, der Betrachter mit Bild- Eigenschaften und nicht mit bekannten Erscheinungsformen konfrontiert.

Die Titel, die Young Hun Lee ihren Arbeiten gibt, sind schöpferische Ausdrucksformen, die neben den Plastiken als eigene Kunst bestehen und zugleich auf diese verweisen. Meist handelt es sich um poetische Textbilder – abstrakte Wortformationen, die Klang und Bild vereinen. Sie betonen sowohl das Erstarren eines Momentes wie auch die besondere Rolle der Haut. So können Sie den Moment der Fertigstellung festhalten, wie etwa bei 08:06:18. Anders verhält es sich mit den poetischen Textbildern, die sie als Titel für viele ihrer Arbeiten wählt. Sie entstehen aus den Zahlen und Schriftelementen, die sich auf den Etiketten der Kleidungsstücke finden, die sie in ihren Arbeiten einsetzt und verweisen damit auf die Kleidungsstücke, die die Haut der Plastiken bilden zurück. Aus ihnen lässt sie abstrakte Textbilder entstehen, die in ihrer Klangformation an Sprache erinnern und zu neuen Interpretationen einladen. So wird aus den Länderbezeichnungen D, UK, I, S und F das Textbild Dukis us f . Laut ausgesprochen könnte er auch als „Do kiss us f“ gelesen werden. Sie sind jedoch in erster Linie als sinnliche Anmutungen zu verstehen, die in ihrem Textbild und Klang den Charakter der Arbeit oder auch ihr Wesen widergeben wie z.B. bei Res Cu Cun Max oder Neowik . Die Mischung aus Fremdheit und Vertrautheit, die Ihre Arbeiten auszeichnet, wird hier in anderer Form noch einmal erfahrbar gemacht.

In ihren jüngsten Arbeiten findet Young Hun Lee eine neue Dimension in der Definition des Verhältnisses zwischen Außen und Innen, Haut und Wesen. Hierfür greift sie auf Arbeiten zurück, die bereits an der Akademie in Seoul und während ihres Studiums in Regensburg entstanden und mit denen sie sich auch an der Akademie in Nürnberg bewarb. Außen und Innen stehen seit ihren frühesten künstlerischen Arbeiten in einer komplexen Wechselbeziehung. So bildete sie bereits in Zeichnungen aus dem Jahr 2006 Körper, indem sie feine Linien- oder Gitterstrukturen wie eine Art organischem „Rendering“ über Gesichter, Arme und Beine legte.

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Sinnlich verwirrend und fremd verweigern sich die Objekte der koreanischen Künstlerin Younghun Lee scheinbar jeder Interpretation. Vielmehr lotet die Künstlerin auf eine sehr zeitgenössische Art und Weise die Grenzen der Plastik auf zahlreichen ästhetischen Ebenen wie dem Material, der Form bis hin zur Statik aus und lässt so Gebilde entstehen, die dem Betrachter den Raum für ein sinnliches Verwirrspiel eröffnen. Dies gilt insbesondere für die Arbeit „Gnade Dukis us F“. Younghun Lee brilliert in der Verweigerung jeglicher Zeichenhaftigkeit und verdeutlicht, wie Kunst über die sinnliche Wahrnehmung einen komplexen Begriff wie „Gnade“ erfahrbar machen kann.
[…]Die Weichheit der kissenartigen Form steht nun im Widerspruch zur schimmernden glatten Oberfläche und erinnert an die Ironie der Manga in der sich niedliche Gestalten oft mit größter Kampfeshärte in ein und derselben Figur vereinen. Die Widersprüchlichkeit von Material und Form spiegelt sich auch in der Statik des Objektes. Scheinbar in sich ruhend ist es in der Tat extrem instabil, denn es steht nur dadurch, dass beide Hälften auf kleinster Fläche ineinander verkantet werden.
Die Kunst der Verfremdung findet sich auch im Titel der Arbeit wieder: „Gnade Dukis us F“. Lautmalerisch ins Englische übertragen kommt man auf „do kiss us f(ather)“ und eröffnet sich hier verschiedene Möglichkeiten vom Kuss der Inspiration bis zur Gnade der Geborgenheit in der Umarmung Gottes.[…]
< Younghun Lee| 2. PREIS „Gnade>: Heidelberg, Kehrer Verlag, s. 12-13

Confusing to the senses and seemingly alien, artist Younghun Lee’s pieces apparently defy any attempt at interpretation. The artist tests the boundaries of sculpture on many aesthetic levels: from material, to form, to stability, and this in a very contemporary manner. She lets figures take shape that deliberately confuse the viewer standing in the artistic space. This is particularly true for her work “Gnade Dukis us F.” Young Hun Lee excels at rejecting any and all symbolism and makes clear, how art, perceived through the senses, can make a complex term such as “grace” part of the experience.
[…]The softness of the pillow-like form contrasts with the smooth, shiny surface and reminds one of the irony in manga, in which characters are often simultaneously cute and battle hardened. The contradiction of the material and form are also reflected in the stability of the object. Apparently resting peacefully, it is in fact quite unstable, only able to stand, because both halves are angled toward each other.                               The art of alienation is also present in the title: “Gnade Dukis us F.” Read phonetically, one arrives at “do kiss us f(ather),” which is open to interpretation, from a kiss of inspiration to the feeling of safety in the bosom and in the grace of God.[…]
 < Younghun Lee| 2. PRIZE „Gnade> : Kehrer Design Heidelberg,  p. 16-17